Ich sitze im Zug nach Puttgarden. Von dort geht es mit der Fähre zum dänischen Rødby. Ich werde versuchen, von der Fähre weg eine Mitfahrgelegenheit bis Schweden zu bekommen, oder zumindest bis kurz vor Kopenhagen. Ein bisschen beunruhigt mich die Vorstellung, dafür auf der Fähre dutzende von Menschen anzusprechen und mir lauter Körbe abzuholen. Aber Trampen ist Teil des Konzepts: 305 Tage am Stück habe ich jetzt norwegisch gelernt. Ich hoffe auf den Weg hin und zurück vom Massiv Trail ordentlich Gelegenheit zu haben å snakke norsk.
Oha, im Zug sitzend bemerke ich, dass ich an diesem, Blog nur schreiben kann, wenn ich Internet habe. Lokal speichern und später senden scheint nicht zu gehen. Das war gestern womöglich eine zu schnelle Entscheidung für Webador. Hm, da brauche ich im fjell ein workaround, Mal schauen.
Und so sieht die Massiv Ruta aus: 350 km durch vier der schönsten Gebirgsregionen Norwegens. Im Süden starte ich in der Hochebene Hardangervidda, meistens um die 1200-1400 m hoch. Ab Finse folgt das einsame Skarvheimen, die Höhe pendelt um +/- 1500 m herum. In Jotunheimen (übersetzt: Heimat der Riesen), ab Slettningsbu, liegt Galdhøppigen, mit 2464 m der höchste Gipfel Norwegens. Hier werde ich, mit Guide, einen Gletscher überqueren. Ab Sognefjelshytte sind wir in Breheimen, "Heimat der Gletscher", das wird konditionell die größte Herausforderung.
Inzwischen sitze ich am Fähranleger in Puttgarden und habe mir den Plan zurechtgelegt gleich Mal in Schiffsbauch nach norwegischen Kennzeichen Ausschau zu halten.
Hm, der Plan ging nur so halb auf. Zwar fand ich in den Autodecks mehrfach das Landeskennzeichen N - aber niemand wollte oder konnte mich mitnehmen. Dafür streckte mir auf Deck ein Mann meines Alters ein Smartphone entgegen und fragte mich, ob ich ein Foto von ihm machen könne. Konnte ich. Darauf fragte ich, ob er mich Richtung Schweden mitnehmen könne. Konnte er - über die Øresundbrücke bis zu einer Raststätte bei Malmö, was ich fantastisch fand. Diese unverhofften Wendungen beim trampen begeistern mich regelmäßig: nicht ich habe meinen Fahrer gefunden, sondern er mich. Amazing. Ralf, Steuerberater aus Hildesheim, erzählte mir, bis wir um 13 Uhr bei Malmö waren, sein halbes Leben: Wie seine Scheidungsmediation leider sehr unglücklich verlaufen sei, wie er durch eine App vermittelt einige sehr schöne Begegnungen hatte und schließlich sein neues Glück gefunden hat. Auch er war ein ein sehr guter Frager und Zuhörer. Das hat Spaß gemacht. Das liebe ich am Trampen: Wildfremde Menschen sind oft erstaunlich offen - man sieht sich ja nie wieder.
Damit war mein Tramperglück für diesen Tag allerdings aufgebraucht. Bis 18 Uhr versauerte ich auf dem Rastplatz Skånegåden: viele fuhren nach Osten statt nach Norden, manche verhöhnten mich ("einfach die Autobahn entlang gehen, dann kommen sie nach Norwegen!"). Ein total süßes Schweizer Pärchen war völlig geknickt, dass sie die Rückbank ausgebaut hatten und sie kam mir noch hinterhergerannt, um mir zum Trost einen Apfel zu schenken. Zwei junger Dudes mit arabischem Hintergrund haben mit sehr viel Aufwand - einen herbeitelefonieren Bruder und einer App - aufrichtig versucht mein Anliegen zu verstehen. Ich war nach vier Stunden in der Hitze schon ziemlich durch und sie konnten offenbar meine Verzweiflung spüren. Sie drängten mir total süß ein fettes belegtes Brot und einer Wasserflasche auf, obwohl mir da an nichts fehlte - bis sie schließlich verstanden, was ich eigentlich wollte und sich herausstellte, dass ihr Autos rappelvoll waren. Ihr Familien waren etwas weiter weg auf einem Picknickplatz. Wir haben uns mit viel "shukran" und "hamibi" herzlich lachend und knuffend verabschiedet. Ihr aufrichtiger Wille mir zu helfen hat mich sehr angerührt.
Long Story short: ich habe mir schließlich einen Punkt nördlich von Göteborg auf der Karte ausgesucht und mir von Google eine Verbindung mit Öffis dahin ausgehen lassen. Jetzt fahre ich mit einem bummeligen Zug Richtung Norden, vorbei an Ostseestränden, die am diesem warmen Sommerabend noch um 20 Uhr von Menschen wimmelten. Ich freue mich schon auf einen Campingplatz in der Nähe eines Flusses.
Hm, im Selfies machen bin ich noch nicht so geübt - gerne hätte ich euch ein Foto der jungen Dudes gezeigt, die sich so rührend um mich bemüht haben.
Erstelle deine eigene Website mit Webador